Endlich wieder Irland
Wir freuen uns auf zwei geruhsame Wochen auf dem Shannon. Wir - das sind sieben etwas betagte Freunde, die schon manches Abenteuer miteinander bestanden haben. Seien wir gleich ehrlich - zusammen sind wir 521 Jahre alt.

1. Juni
Ankunft pünktlich in Carrick on Shannon. Bei Emerald Star Lines herrscht Chaos. Es hat wochenlang geregnet und der Shannon führt Hochwasser - viele Boote können deshalb nicht zurückkehren. Vieles ist nicht mehr befahrbar, weil Brücken zu niedrig sind und zum Teil starke Strömungen herrschen. Das können wir gleich am Nachmittag feststellen - zahlreiche Boote haben Schwierigkeiten bei der Brücke in Carrick und rammen den Durchfahrtsbogen, dass es kracht und splittert. Die Emerald Mitarbeiter haben seit 22 Jahren so etwas nicht erlebt, sind aber dennoch freundlich und hilfsbereit, wann und wo immer möglich.

2. Juni
Gleich der erste Morgen weckt uns mit strahlendem Sonnenschein. Armin, der Steuermann, packt die Brückendurchfahrt geradlinig und wir tuckern durch die Markers wie es sich gehört - rechts die schwarzen, links die roten - ein wahrhaft demokratischer Kurs. Halt - stimmt gar nicht, flussabwärts ist es genau umgekehrt.

Im Kanal zur Albert Lock macht Richard am rechten Ufer Kleinholz im Erlengestrüpp, weil uns ein anderer sehr unbekümmert entgegenkommt. Alle gehen auf Tauchstation und Traudl "rettet" gerade noch eine Angel, ehe sie über Bord geht.

Auf der Strecke nach Drumsna hängen schon die Angeln im Wasser und bei Hildegard gibt's einen Biss - echt, da ist einer dran! Aber das Dingi war noch nicht vorbereitet, der Casher noch im Rucksack und der Wind so stark, dass Toni das Boot nicht halten kann. Fisch weg! Das ist für die erste Woche der einzige, den wir an der Angel haben. Regen, viel Wind und starke Strömung machen uns das Leben schwer.

3. Juni
Bei strahlendem Sonnenschein beginnen wir die Weiterfahrt reichlich spät, weil die Anleger an unserem Schiff erst am frühen Morgen stockbesoffen heimgekommen sind. Wir genießen den Tag im Logh Tap und schleppen eine große Runde im Logh Boderg - leider vergeblich. Dann zieht eine Regenfront auf und wir fahren full speed durch den Logh Bofin Richtung Roosky.

4. Juni
Start nach Lanesborough. Die Schleuse erfordert Aufmerksamkeit - sagt uns der sympathische Schleusenwärter schon am Hafen. Ein großes Schiff mit Österreichern kommt dem Wehr zu nahe und hat Probleme, wieder in die Schleuse zurückzukommen. Überhaupt ist der Shannon nicht wieder zu erkennen. Wassermassen in rasantem Tempo sind nicht ohne - nicht zuletzt an der Schleuse in Termonbarry. Heftiger Wellengang bringt Spritzwasser und tolle Videoszenen. Der Logh Ree ist "very rough" und so beschließen wir, in Lanesborough zu bleiben und auf besseres Wetter zu warten. Eine gute Gelegenheit für Richard, eine Reparatur an der Reeling zu machen in einem workshop, den der Besitzer freundlicherweise zur Verfügung stellt. Das optimale Ergebnis überrascht sogar den Chef - noch mehr als uns. "All best, just like new" - ja, Richard kann das!

5. Juni

Grau in grau - aber ruhiger Seegang und nach wie vor heftige Shannon-Strömung. Wir starten zur Fahrt über den Ree. Den ersten Tropfen können wir entkommen und dann auch einer aufziehenden heftigen Regenfront. Je weiter wir nach Süden schippern, desto strahlender scheint die Sonne. Alle sind begeistert. Wir umfahren die Haseninsel und biegen dann in den Killinurelogh ein. Unsere vertraute Cut ist so stark überflutet, dass sie nicht mehr kontrolliert befahrbar wäre. Ein herrlicher Abend in Ballykeeran ist uns vergönnt, rotgoldener Sonnenuntergang - oh, geliebtes Irland!

6. Juni
Strahlender Sonnenschein lockt zu einem erfolglosen Schlepp durch den See. Die Überfahrt durch den Southlake ist "a little bit rough", aber unsere Frauen bestehen den Test hervorragend. In Athlone ist eine Aufbesserung unserer Gemeinschaftskasse angesagt zum Einkauf von Lebensmitteln nebst Irish Whiskey. Der ist in Irland "very expensiv". Aber was soll's? Weil Toni, der Fischverächter, Irlandneuling und Nichtangler endlich mal einen Fisch in der Pfanne sehen will, gehen wir in Athlone einkaufen. Man darf's ja fast nicht sagen, unser erstes Fischessen nach fast einer Woche ist ein gekaufter Lachs.

Nachmittags geht es weiter durch die Schleuse nach Süden und schon erwartet uns der Shannon mit neuen Überraschungen. Der Fluss wird zum grenzenlosen See. Die Fahrrinne ist nur noch erkennbar durch die Markers - rechts und links gibt's nichts als kilometerweite Seeflächen. Clonmacnois erwartet uns im späten Nachmittagslicht. Windstille sorgt für eine ruhige Nacht. Alles ist echt irisch. Abendrot läßt uns für morgen einen schönen Tag erwarten.

7. Juni
Statt des erwarteten Sonnenscheins liegt alles irisch grau in grau - die weite Wasserwüste und die Ruinen von Clonmacnoise. Der Besuch der Klosteranlage ist bei dem nebelverhangenen Tag besonders romantisch - nicht zuletzt auch das Nonnenkloster, das Hildegard etwas abseits entdeckt hat. Bis wir wieder am Schiff ankommen, hat Richard einen ersten 2-Pfund-Hecht geangelt und den Beweis erbracht "Fische gibt's". Petri Heil! Dass wir gestern nicht mehr nach Shannonbridge weitergeschippert sind, war Glück! Wir erfahren, dass dort wegen des Hochwassers niemand anlegen konnte.

Mittags gibt's Irish Coffee mit Sahne. Erst dann fahren wir wieder zurück nach Athlone zum obligatorischen Einkauf. Am Abend schlägt Toni "Pub-Besuch" vor - eine freundliche Irin empfiehlt uns die Westseite der Stadt. Alle Pubs sind propenvoll. Richard entdeckt einen Hintereingang und so erleben wir die Atmosphäre ziemlich hautnah.

8. Juni
Tanken an der Jetty. Armin treibt zur Überfahrt über den Ree. Und recht hat er. Es wird immer grauer, wir erkennen gerade noch die Bojen und sind froh, als wir in Lanesborough wieder anlegen. Die nächsten Tage wären für die Überfahrt viel zu stürmisch gewesen.

9. Juni
Nochmal ein Schlepp am Morgen. Leider erfolglos. Gemütliches Frühstück - dann geht's zurück nach Roosky. Die Sonne begleitet unseren Schlepp und im Logh Forbes gibt's einen Biß bei Gudrun - offensichtlich aber kein Fisch? In großer Entfernung zeigt sich etwas an der Wasseroberfläche. Ein Schuh? Oder eine Jacke? Richard zieht ein und beim Näherkommen erkennen wir einen nicht ganz kleinen Hecht, der auf dem Rücken daherkommt. Noch ein bißchen Drill und dann liegt ein 72cm langer, immerhin 5 Pfund schwerer Brocken im Chasher. Das ist Rekord für Gudrun und wir alle sind stolz auf sie.

In Roosky erleben wir noch einmal die Gewalt des strömenden Shannon. Wir sitzen wieder beim Canasta und da kracht's. Ein Glenstar, wie der unsere, hat die Brückenpfeiler gerammt. Wir bergen die daherschwimmenden Ruder und das Dingi aus dem Fluss. Die Passagiere werden mit der Leiter auf die Brücke geholt. Alles andere macht Emerald - und drei Stunden später liegt das provisorisch reparierte Schiff vor uns und die Fahrt geht für die Urlauber wieder weiter.

10. Juni
Im Logh Bofin verschlechtert sich das Wetter. Sturm kommt auf und die Sicht wird bescheiden, ja geradezu beschissen. Erst im Logh Tap lichtet sich das Wetter. Schließlich legen wir wohlbehalten in Drumsna an und warten auf bessere Zeiten. Der ruhige Abend läßt auf sich warten. Zwischendurch mehrmals Regenbogen und es gibt Angelversuche - leider bleiben wir Schneider. Langer Canasta-Abend - gute Nacht!

11. Juni
Heute beginnt der Tag mit Sonnenschein. Wir fahren zurück und schleppen Richtung Logh Tap und siehe da - schon am frühen Morgen haben wir wieder einen Hänger - oder doch nicht? Der Blinker ist nach mehreren Bemühungen wieder frei und läßt sich locker einziehen. Dann erblicken wir unversehens den Fisch. Schon ist er am Dingi angelangt und auch gleich im Casher - ein Hecht, 62 cm lang und 4 Pfund schwer. Prima, aber wir warten immer noch auf einen interessanten Drill. Vielleicht klappt es doch noch im Logh Key.

In Carrick ist das Fahrverbot zum Key aufgehoben und wir sind wieder mal begeistert von der Schönheit der Strecke. "Wie im Amazonas" sagt der Toni, der inzwischen auch die Angel ins Wasser hält. In Knockvicar legen wir vor der Brücke an. Es ist einer der schönsten Plätze auf unserer Fahrt. Außer uns ist nur noch ein Boot da und die Sonne scheint uns warm auf den Buckel. Heute wird geräuchert. Wozu haben wir den Räucherofen mitgeschleppt? Armin blinkert ein bisschen und verfitzt die Schnur im Gestrüpp. Richard versucht im Dingi, sie wieder freizubekommen. Toni filmt, Rosa schält Kartoffeln, die Vögel singen als hätten wir Eintrittskarten bezahlt - eine Idylle ohnegleichen. Und dann ein Regenguss aus heiterem Himmel. Wir halten den Regenschirm über den Räucherofen und werden lieber selbst nass.
Gudrun hat Brot gebacken, der Fisch duftet - das sind Sternstunden in Irland, die man zu Hause am liebsten einrahmen möchte.

12. Juni
Im Logh Key angekommen, spannen wir die Schirme auf und machen eine Rhododendron-Wanderung, am "begehbaren" Baum vorbei bis zum Turm von Rockingham. Der Wind bläst uns fast hinunter und danach gibt es keinen schöneren Platz auf Erden als im Schiff beim Irish Coffee mit viel Sahne und noch mehr Whiskey.

13. Juni
Den trockenen Vormittag nützen wir zur Fahrt nach Boyl. Neue Jetty - toll. Die Abbey ist immer wieder ein Erlebnis, die gotischen Spitzbögen, das Mauerwerk mit dem vielem Grün, das aus allen Ritzen sprießt. Dann kreuzen wir langsam zurück. Die Stimmung mit dunklen Regenwolken, ein paar Sonnenstrahlen und einem dicken Regenbogen ist zauberhaft.

14. Juni
Weil's heute immer noch regnet, brechen wir zur Rückfahrt auf, denn bis 16 Uhr sollen wir unser Schiff abgeben. Ein bisschen wird noch geschleppt und man höre und staune - unser Toni hat einen dran. Einen winzig kleinen Hecht, so ein knappes Kilo. Toni ist selbst sprachlos und meint, "jetzt hätte er endgültig seine Unschuld verloren".

Kurz vor der Schleuse zeigt sich ein Stück blauer Himmel und Armin dreht spontan um. Richard übernimmt das Steuer - und schon schnurrt die Angel. Genau das hat noch gefehlt - ein richtiger Drill. Armin kämpft, die Angel biegt sich. Richard steht fangbereit im Dingi. Toni muss auch irgendetwas halten. Also übernimmt Hildegard das Steuer und versucht, allen Befehlen gerecht zu werden: "Lass dich nicht abtreiben" - "links einschlagen" - "stop" - "rechts einschlagen". Der Wind bläst heftig. Stehenbleiben geht nicht, sonst drehen wir uns um unsere eigene Achse. Endlich hebt Richard die stolze Beute ins Boot. 6 Pfund Länge hat das Prachtstück.

Traudl hat versucht zu filmen. Sie kniete dabei auf dem Deck, denn zum Stehen wackelte der Kahn zu sehr. Auf ihrem Film sind nur Jacken und Köpfe zu sehen. Aber der Ton sagt alles. Wildes Durcheinanderrufen: "Richard setz dich hin, setz dich endlich hin" - weil der nämlich im Dingi steht. Dann hört man's rufen "nicht locker lassen, nicht locker lassen" und dann ein "Oh" und "Ah" und "Herrschaftzeiten, ist das ein Kaliber!" und zum Schluss tönt noch einer "hau drauf".

Wir kurven nochmal zur Jetty zurück. Richard schuppt den Fisch. Dabei bläst ihm der Wind die Mütze vom Kopf. Armin springt ins Dingi und will sie holen. Schon wird er abgetrieben. Richard will mit dem Casher nachhelfen, da rutscht das Netz ins Wasser und versinkt. Armin schaukelt inzwischen über den See. Eines der Ruder rutscht immer wieder aus der Halterung und den Außenborder bringt er zwar zum Laufen aber nicht ins Wasser. Immer kleiner wird er bei dem heftigen Wind - höchste Zeit, dass wir ihn holen. Mit langem Seil "retten" wir unseren guten Steuermann schließlich und dann geht es full speed nach Carrick.

Das Hechtessen am Abend kann an Köstlichkeit nicht überboten werden. Und als ein Schiffsnachbar durchblicken lässt, dass es in den Schleusen für uns "in unserem Alter" etwas schwierig werden könnte, haben wir nur ein Lächeln übrig. Wenn der wüsste!

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