Jemen als Frau
Eindrücke von mir, Hélène Leblois,
eines Landes, welches von Männern regiert wird.
Wie alles begann:
Natürlich wäre ich von mir aus nie auf die Idee gekommen,
in den Jemen zu reisen, insbesondere nicht über die Weihnachtsfesttage
2001/2002. Die Unruhen auf der Welt waren nicht gerade sehr beruhigend,
vor allem als Frau in einem islamischen Land.
Doch wie das Leben so spielt, ist mein Freund ein begeisterter Fischer
und er wollte seine Gewohnheit nicht brechen. Wie jedes Jahr, wollte
er auch diesmal in den Jemen fahren. Genauer gesagt nach Al-Mukalla,
was ganz im Süden des Jemens liegt, dort wo der Jemen vom Arabischen
Meer begrenzt wird.
Ich war nicht gerade begeistert, als er mir erzählte, wie vermummt
alle Frauen dort sind. Und es sei ja selbstverständlich, dass
auch ich "mal ein Kopftuch tragen würde" falls wir
dort hin gingen. Aber nun gut, er schwärmte mindestens einen
Monat lang, also beschloss ich mir das ganze mal von der Nähe
anzusehen.
Die Ferien
im Jemen:
Schon die Hinreise war ziemlich abenteuerlich. Ab Saana, der Hauptstadt
des Jemens, befindet man sich in einem Flugzeug, in dem sowohl männliche,
wie auch weibliche Bürger dieses Landes einem ganz interessiert
anschauen, da man ja kein Kopftuch trägt. Erstaunlicherweise
hat mich jedoch niemand angesprochen. Nicht dass ich das gewollt hätte,
aber ich habe gehört, dass in solch extrem islamischen Länder,
auch mal Bemerkungen fallen, und man aufgefordert werden kann, sich
mit einem Kopftuch zu bedecken. Doch all das blieb aus.
Da wir in Zürich einige Schwierigkeiten hatten mit unserem Flug
nach Frankfurt, kam unser Gepäck nicht rechtzeitig an. Mit anderen
Worten, wir hatten nichts dabei ausser unserer Reiseklamotten. Also
mussten wir in die Stadt fahren, um Kleider zu kaufen. Nach dem Flug
war ich zwar schon ein bisschen gewappnet, doch ganz wohl war es mir
beim Gedanken doch nicht, mit meinen europäischen Kleidern mitten
in das Städtchen Al-Mukalla zu fahren. Doch wir kamen nicht darum
herum, denn am nächsten Tag wollten wir fischen gehen, und das
ging eindeutig nicht mit den Kleidern, die wir anhatten. Unser Campleiter
Uwe Bertram bestellte ein Taxi, und ab ging's in die Stadt.
Eine Stadt aus Lehm, ohne Teer, ohne Beleuchtung, ... ich befand mich
plötzlich im Jahre Christi, und das obwohl man in Al-Mukalla
alles kaufen kann, was in Europa angeboten wird. Also ging's los mit
dem Shoppen. Als Frau ziemt es sich, in diesem Gebiet, lange farbige
Gewänder zu tragen, und darüber, falls man auf die Strasse
geht, ein schwarzes Überkleid anzuziehen. Was sollte ICH also
kaufen?!? Ich entschied mich für einen Männerrock, und hoffte
natürlich, dass ich damit nicht irgendwelche Gesetzte oder Regeln
brechen würde. In einem kleinen Laden, natürlich wie alles
andere auch von einem Mann geführt, fand ich dann noch (rosa
und hellblaue!!) Unterwäsche. Mein Freund war zwar nicht gerade
begeistert, aber ich war froh, überhaupt etwas gefunden zu haben.
Noch ein Shirt und der nächste Tag auf dem Boot konnte kommen.
Die zwei Wochen, die wir in Al-Mukalla verbrachten vergingen wie im
Flug. Ich, selbstverständlich immer in Begleitung meines Freundes,
verbrachten die Zeit damit, mit den Einheimischen nach Fischen zu
suchen; die Herden von Delfinen zu beobachten; die einheimischen Reiseboote
zu mustern, die immer noch wie vor 1000 Jahren aussehen und natürlich
auch meinem Freund zu zuschauen, wie er ab und zu einen grossen Thuna
zum Wasser aus nahm und stolz für ein Foto posierte. Im Hotel
konnte ich mich dann verwöhnen lassen und auch mal im Bikini
Sonne tanken. Auch schnorcheln im farbenfrohen Meer lag auf der Tagesordnung.
Und noch vieles mehr. Es waren Ferien pur.
Natürlich feierten wir Weihnacht und Neujahr im Hotel Hadhdramaut.
Obwohl es im Islam kein Weihnachten und Neujahr zwischen 24. Dezember
und 1. Januar gibt, hat sich das Hotel extrem Mühe gegeben die
Gäste von vorne bis hinten mit verführerischen Buffé's
zu verwöhnen. Sie stellten sogar einen Weihnachtsbaum auf, was
zwar für diese Breitengrade nicht gerade passend ist, aber trotzdem
das Gefühl vermittelt willkommen zu sein.
Tja, wie alle Ferien gingen auch diese zu ende, und wir mussten traurigen
Gemütes wieder nach Hause fahren.
Meine Eindrücke
vom Jemen zurück in der Schweiz:
Es war überwältigend. Nicht dass die Reise ganz problemlos
gewesen ist, aber die Eindrücke, die dieses Land hinterliess
waren einzigartig. Es ist schon so, dass die Frauen dort keine Rechte
haben, zumindest die Frauen die dort leben. Man hört zwar Geschichten,
dass Frauen zu Hause, wie man in Schweiz sagt, "die Hosen anhaben",
doch auf der Strasse dürfen sie kaum einen Mann ansprechen. Auch
als Touristin müssen einige Regeln eingehalten werden, doch diese
sind natürlich viel weniger streng. Zum Beispiel sollte man Kleidung
tragen, die bis zu den Knöchel und bis zu den Handgelenken reicht.
Auch ein Ausschnitt ist nicht gerade beliebt, aber Rollkragenpulli
wird nicht verlangt. Sonst habe ich mich eigentlich wie in Europa
verhalten. Im Hotel war auch Sonnenbaden kein spezieller Akt, insbesondere
weil Europäer, die im Jemen arbeiten im Hotel Hadhdramaut ihre
freien Wochenenden verbringen und dort natürlich dann auch sonnenbaden
und schnocheln um ein bisschen ausspannen zu können. Auch befindet
sich beim Hotel Hadhdramaut eine Tauchstation, welche Touristen und
Touristinnen anzieht.
Ich bin jedenfalls braungebrannt in die Schweiz zurückgereist
und meine Freunde lauschten ganz gespannt als ich von dieser unvergesslichen
Reise erzählte. Nächstes Jahr wollen wir wieder in den Jemen
fahren. Ich freue mich jetzt schon darauf und hoffe, dass wir diesmal
noch einige Tage in das Landesinnere fahren. Dort muss es atemberaubende
Landschaften und einsame Dörfer geben, die mich vielleicht sogar
nach "vor Christi" reisen lassen.
Hélène Leblois (18. März 2002)